Asterix reborn!

REZENSIONAsterixPiktenEgmontEhapa

Der neue Asterix-Band „Asterix bei den Pikten“ von Jean-Yves Thierry und Didier Conrad ist vor allem eines: die vollständige Rehabilitation von Albert Uderzo.

Eine Sache gibt es am neuen Asterix-Band auszusetzen: das Cover ist grottig. Bildaufbau und  Gesamtkomposition reihen das Bild unter die ganz wenig wirklich schlechten Cover der gesamten Asterix-Serie ein. Und sogar die Qualität der Titelzeichnung liegt deutlich unter vielen der Bilder, die dann im Album zu finden sind.

Aber sei’s drum. Wenn man den Band dann aufschlägt und zu lesen beginnt ist es wie eine Art Heimkehr. Und man weiß plötzlich wieder, wieso man (wenn alt genug dafür) jedem neuen Asterix-Band entgegengefiebert hat. Und auch wieso man entgegen besseren Wissens auch noch Jahrzehnte  nach dem Tod von Asterix-Mastermind René Goscinny jeden neuen Band mit bangem Herzen aufschlug, in der Hoffnung, etwas von dem Glück zu finden, das einem die früheren Bände beschieden hatten.

(Natürlich sei hier nicht unerwähnt, dass auch die letzten Bände Goscinnys weit hinter seinen vorhergehenden Meisterleistungen lagen und gar nicht so weit von den – wenigen – besseren Uderzo-Solos entfernt waren.)

Hirsch

„Asterix bei den Briten“ (c) Ehapa Verlag/Alber Uderzo

Aber man muss sich vor Augen halten WIE gut die Serie einmal war. WIE sehr und nachhaltig sie einst die Herzen von Millionen erobert hat. So sehr, dass man bereit war Jahre von immer schlechteren Storys zu überstehen. Mit Betonung auf Storys, denn Albert Uderzo war und ist ein Meister seines Fachs. (Viel mehr sogar, dazu etwas später.) Und Uderzo hat durchaus Witz, ja, man ist versucht zu sagen Schmäh. Der springt einem in persönlichen Begegnungen und auch in jeder seiner Zeichnungen entgegen. Und in den vielen kleinen Hintergrundgags, die auch stets ein wichtiger Teil des Gesamtkunstwerks namens Asterix sind.

Dennoch, mit dem letzten Band „Gallien in Gefahr“ (wer’s verdrängt hat, es geht um die Invasion Galliens durch Manga-Außerirdische) hätte Uderzo der Serie und Marke beinahe den Todesstoß versetzt. Vielleicht hat ihn der darauf folgende Aufschrei auch endlich aufgerüttelt, vielleicht konnte er zu guter Letzt die klagenden, ja, leidenden Stimmen der Millionen nicht mehr überhören.

Die Fackel weiterreichen

Kollaborationscomics wie etwa alle Superhelden, die Disney-Comics oder auch Spirou und Fantasio überstehen den Tod ihre Schöpfer ohne auch den geringsten Zucken, da sie ja schon längst an den Pool der vom Rechteinhaber engagierten Zeichner* weitergegeben worden sind. Bei Comics, die rechtlich im Besitz ihres Schöpfers sind, gibt es dagegen nach dessen Ableben nur drei Wege. Entweder die Serie endet, wie im Fall der Peanuts oder Tim und Struppi; sie wird in der Familie weitergeführt, wie bei Blondie, Hägar oder den Schlümpfen; oder die Fackel wird vom Verlag oder der Erben an einen auserwählten Nachfolger weitergegeben. Letztes prominentes Beispiel, Lucky Luke, der seit dem Tod von Morris von einem neuen Zeichner, Achdé, weitergeführt wird. Der noch dazu ein Franzose ist, wo Lucky Luke doch eine der Paradefiguren belgischer Comics darstellt und sogar die Landesflagge in einer für einen Cowboy gewagten Farbkombination am Körper trägt. Aber Achdé macht seine Sache gut, die Fans sind zufrieden.

Allerdings war der Schritt bei Morris nicht ganz so groß. Stammen doch fast alle Texte der von Morris gezeichneten LL-Abenteuer nicht von Morris selbst sondern von wechselnden Textern oder Texterteams. Nicht zuletzt von René Goscinny, der mehr als die Hälfte aller Geschichten verfasste und der auch hier (wie auch bei Isnogud, Der kleine Nick u.v.a.m.) sein Genie als Autor unter Beweis stellen konnte.

Bei Asterix war das anders. Goscinny starb 1977(!), sein letzter Asterix-Band war Nummer 24, „Asterix bei den Belgiern“. Das heißt, dass Uderzo bereits 36 der 54-jährigen Existenz des kleinen Galliers alleine bestreitet. Dabei hat der Mann davor nie Comics getextet, sondern bei all seinen Arbeiten, und es gibt viele Hervorragende, mit Textern und Autoren zusammengearbeitet.

Aber bei Asterix wollte oder konnte er einfach nicht loslassen, und kam durch liebenswerte Zeichnungen, die ewige Perpetuierung etablierter Klischees und Weiterführung gut ausgearbeitete Charaktere einigermaßen über die Runden. Aber eben nur einigermaßen. Es drohte die Gefahr, dass erst der Tod sie scheiden würde.

Jetzt aber die Notbremse und Uderzo sowie Goscinnys Tochter Anne schicken ihren tapferen Krieger mit hoffnungsvollen Geleitworten in ein neues Leben.

Das neue TeamPikten

Und man kann sagen, die Übung ist gelungen. Der neue Band ist witzig, es macht Spaß ihn zu lesen, lautes Herauslachen nicht ausgeschlossen. Mühelos bedient er alle Erwartungen und bekannte Klischees, wirkt aber dennoch nicht wie ein Abziehbild oder eine Imitation des Vorbilds. (Attribute, die man eher einigen der vorhergehenden Bände verleihen könnte…) Und das liegt zum Großteil an … Jean-Yves Ferri. Der Gag-Zeichner und Comic-Autor hat es verstanden den Witz und die Seele der Figuren Goscinnys zu übernehmen, ja, wiederzubeleben. Und er führt neben Running Gags wie den unvermeidlich versenkten Piraten auch viele andere Ingredienzen Goscinnys fort, die Uderzo gar nicht, gelangweilt oder nur mangelhaft bedient hat: eine verschränkte, wendungsreiche, logische und spannende Handlung; gut funktionierende, teilweise sich langsam aufbauende Wortspiele (Macs, Lochs und noch viel mehr; Lob an die Übersetzung**); originelle Slapstick-Spielereien (etwa mit den Schildträgern); aktuelle – politische – Anspielungen (in diesem Fall etwa die Flüchtlings- und Asylproblematik oder Patchworkfamilien); anachronistische Gags (Whiskey, Golf, Pop-Musik)… und so einiges mehr. Auf einer Goscinny-Scala von 0-100 erreicht Ferri durchgehend über 80%, manchmal sogar über 90.

Dabei klingen und agieren seine Figuren manchmal doch ein wenig (ein ganz klein wenig) anders als gewohnt. Aber das wirkt eher belebend als befremdlich. Es ist eindeutig ein Ferri-Asterix, der nahe am Goscinny-Asterix liegt, aber nicht identisch mit einem solchen ist. Das ist auch gut so und lässt für die Zukunft Erfreuliches hoffen.

(Übrigens: obwohl er sonst kein Klischee auslässt, ist es bewundernswert, wie Ferri einen ganzen Band über Schotten füllt ohne auch nur ein einziges Mal einen Gag über Sparsamkeit oder Knausrigkeit zu lancieren.)

Nun zu Didier Conrad. Wer sein – umfangreiches – Comic-Oeuvre kennt, weiß, dass Conrad ein fantastischer, kreativer, ein wahrhaft großartiger Comic-Zeichner ist. Wer es nicht kennt, google es und überzeuge sich selbst. Wäre er das nicht, hätte man ihn auch sicher nicht für die Nachfolge ausgewählt. Aber, und ich sage das mit vollstem Respekt Conrad gegenüber, er ist kein Uderzo.

Denn niemand ist Uderzo. Oder fast niemand. Albert Uderzo hat sich spätestens in den 1960er Jahren in den Olymp der internationalen Comic-Szene katapultiert und hat diesen Ort nie wieder verlassen. Nach 120 Jahren Comics in der heutigen Form und tausenden, ja, zehntausenden Zeichnern, kann er sich nach wie vor mühelos in den Top 10 halten. Wenn nicht in den Top 3. Deswegen ist dieser Band, wie eingangs erwähnt auch eine volle Rehabilitation von Albert Uderzo. Denn obwohl Conrad ALLES richtig macht, und mit einigen Figuren auch eigene liebenswerte Neuschöpfungen (ganz großartig süß sein Seemonster Fafnie) hervorbringt, erreicht er auf einer Uderzo-Scala von 0-100 selten mehr als 70%, vereinzelt vielleicht 80. Das liegt, wie gesagt, nicht an Conrad. Es liegt am Genie von Uderzo.

Pikten2Ein kleiner Überblick: Obelix ist gut gelungen, auch die meisten anderen Gallier und Römer. Mit Asterix selbst hat Conrad aber seine Probleme, von Mimik über Gestik bis zu seinen Proportionen. Auch die Detailfülle der Hintergründe, obwohl immer noch dichter als bei den meisten anderen Comics, fällt hinter der von Uderzo zurück. Am auffälligsten, und wie gesagt, ich spreche hier von einer gelungenen und befriedigenden Umsetzung, ist aber die mangel- oder fehlerhafte Dreidimensionalität. Erst wenn man das Innere einer gallischen Hütte von Conrad gesehen hat, eine auf eine schrägen Ebene stehende Figur, einen Blick über eine Landschaft, erkennt man das Genie Uderzos. Conrads Zeichnungen sind gut und stimmig. Uderzo erschafft bei gleichen Gelegenheiten aber ein fotorealistisches, computersimulationsgenaues Abbild einer – fiktiven – Wirklichkeit. 3D ohne Brille. In naher Zukunft werden Computer Fotos scannen und verlustfrei dreidimensionale Räume daraus berechnen. Legt man ihnen dann ein Bild von Uderzo vor, wird die Übung ebenfalls gelingen. Bei Conrad leider nicht ganz.

Aber natürlich musste Conrad Uderzo nachzeichnen, hätte er die Freiheit gehabt, die Welt von Asterix zu der seinen zu machen und neu zu definieren, wie er es etwa bei Spirou hatte, wer weiß, was daraus geworden wäre. So aber muss er ein Genie emulieren. Und muss zwangsläufig daran scheitern. Dennoch, auch Conrads Asterix ist schön, lustig und gut geeignet für alle Zwecke.

In gewisser Weise ist der Band auch eine Umkehrung der vorhergehenden: er ist etwas schlechter gezeichnet, aber wesentlich besser getextet.

Fazit: Die Übung ist gelungen. Ferri und Conrad haben der Welt Asterix zurückgegeben.

Danke, Jungs. Und Danke, Uderzo, dafür, es zuzulassen.

„Asterix bei den Pikten“
Von Jean-Yves Ferri und Didier Conrad
Ehapa Verlag
SC: 6,50 €; HC: 12 €

* man verzeihe mir das mangelnde Gendern, aber es wäre in diesem Artikel nur ablenkend und auch irreführend gewesen. Trotz zunehmender hervorragender Gegenbeispiele ist das Medium Comic immer noch mehr als nur mehrheitlich männlich.

** mir liegt das Original nicht vor, aber das Team aus einem Übersetzer und drei BearbeiterInnen hat offenbar hervorragende Arbeit geleistet. Danke an den Verlag, der offenbar erkannt hat, wie wichtig das, ebenso wie gelungenes Lettering, ist. Zwar spürt man, wie durchaus auch bei vielen der alten Bände, dass Wortspiele manchmal ausgelassen oder zurechtgebogen wurden. Aber was sich an deren Stelle findet, ist damals wie heute fast immer ausreichend gelungen übersetzt. Und manchmal so passgenau, dass man nur staunen und tatsächlich lauthals lachen kann! (Allein, die ganzen Balkenwitze.)

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Ein Gedanke zu “Asterix reborn!

  1. Toller Artikel, Herr Havas. Gruendlich recherchiert, reflektiert, und kommentiert. Mit Tiefgang und Geschick! 🙂

    Jetzt hab ich richtig Lust auf den neuen Asterix gekriegt.

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