„Die basische Birne“ (Gesprochenes makrobiotisches Ballet in einem Akt)

Hier ein kurzes Versdrama im Stile des alten Herrn Geheimrats aus dem Jahr 2001, bislang unveröffentlicht und unaufgeführt.

 

Birne

Die basische Birne

Gesprochenes makrobiotisches Ballett in einem Akt

von Harald Havas

 

Die Personen:

Grünkern – ein bärtiger Mann
Dinkel – ein anderer bärtiger Mann
Soja – eine Frau in Latzhose
—–

Grünkern und Dinkel betreten wild gestikulierend und diskutierend die Bühne.
Von der anderen Seite hüpft ihnen tanzend Soja entgegen.

Soja (dreht sich, knickst in eine unbestimmte Richtung):
Ich bin ein junges Früchtchen, noch kurz erst auf der Welt
Ich sprieße und gedeihe und mach‘, was mir gefällt.

Grünkern (zu Dinkel):
Junges Gemüse! Peinlich! Ich frag, was weiß denn die?
Frühlingserwachen – freilich! Das Ziel erreicht man nie…

Dinkel (zu Grünkern):
Bin durchaus deiner Meinung, doch zählt nicht der Versuch?
Verbitternis und Endzeit – sind unsres Alters Fluch.

Grünkern (abschätzig):
Die Torheit nur der Jugend, verblendet, angenehm
Läßt junge Hüpfer hilflos, die Wahrheit ganz zu sehn.

Dinkel:
Du sprichst von einer Wahrheit, doch welche frag ich dich?
Ist deine oder ihre, wohl Wahrheit auch für mich?

Soja (tanzt):
Bin klein,
Aber fein,
Sing froh,
Tralalo,
Tanz leis,
Hier im Kreis,

Und ist das Leise mir zu fade –
Dann brüll ich eine Wortkaskade!
(brüllt)
Rambazullikullerwullerhippedihoppedihopp!

Grünkern (angewidert):
Ganz ohne Kontrolle, ganz ohn’ Disziplin!
Wir waren ganz anders! Nie war ich so grün!
In dunkelster Stube, verstaubtestem Raum,
Studieren und Lernen, das Wissen mein Traum.
Gebeugt war der Rücken, gequält war das Aug‘…
Algebra und Goethe, Pi, Säure und Laug’
Der Weisheit der Alten, der Bücher von eh,
Essenz zu erfassen, trotz Ach und auch Weh,
War unser Bestreben, war einziger Sinn,
Nur durch mein Wissen, weiß ich, wer ich bin.

Dinkel:
Wohl zu fassen, weiß ich deine
Gefühle und Gedanken, klar
Sind zum Teil sie doch auch meine,
Was so jedoch nicht immer war.
Über Büchern, ächzend stöhnend,
Doch durchs Fenster, da! Ein Baum!
Augen brennend, streckend, gähnend…
Ist das Leben? Ist das Traum?
Sich zu drehen, singen, tanzen,
Ist’s nur Sünde? Übermaß?
Ob im wissensvollen Ranzen
Ich nicht doch etwas vergaß?

Soja:
Blümlein fein ganz allein
Gras und Fluß, Hochgenuß
Baum und Frucht, süße Sucht
Ach, da hängt eine Birne!
(pflückt sie)

Dinkel (erregt):
Die Birne!

Grünkern (ungläubig):
Die Birne?
Hat sie dazu die Stirne!
Ich kann’s nicht glauben, will’s nicht fassen,
Will toben gar, inwendig rasen,
Daß leeres Nichtstun Edles zeugt?
Dafür hab Rückgrat ich gebeugt?
Nur, eine Lösung fällt mir ein:
Dies kann nicht die Birne sein!

Dinkel:
Doch, doch, sieh her wie sie geformt ist,
Wie ihre Krümmung fast genormt ist,
Wie ihre Farbe wunderbar,
Wie ihre Haut ganz rein und  klar,
Sie ist‘s von der die Alten kunden!
Und streut‘s auch Salz in unsre Wunden…

Grünkern:
Pah! Farbe hin und Krümmung her!
Um die zu sein. bedarf es mehr!
Man sagt, wer diese Birne fasse,
Egal von welchem Schlag, welch‘ Rasse,
Welchem Geschlecht, welch‘ Religion,
Den Wandle nur ihr Anblick schon.
Der werde von ihr ganz verwandelt.
Wenn es sich um die Birne handelt,
so müßte dies unwürd’ge Ding,
durch jene Frucht, die grad‘ noch hing,
Zu Ungeheurem fähig sein –

Soja:
Ich bin ein Sprößling klein und fein…
Ich tanze hier im Ringelreihn,
Bei Regen und bei Sonnenschein.

Grünkern (nähert sich Soja):
He, du, Geschöpf, verwirrtes Wesen!

Soja:
Mir dünkt’s hier riechts’s nach alten Käsen!
(lacht)

Grünkern (wendet sich ab):
Niemals, sie kann’s unmöglich sein!

Dinkel (beschwichtigend):
Wart noch, ich bitt‘ dich halte ein…
Die Prüfung nur kann’s uns enthüllen,
kann unsre quälend Neugier stillen.
Steht‘s nicht vermerkt im alten Buche,
daß man mit Demut es versuche?

Dinkel:
Mein edles Fräulein, darf ich’s wagen?

Soja:
Was brummt hier? Knurrt mir gar der Magen?

Dinkel:
Ihr spottet mich, nun, sei’s, wie’s sei,
Dennoch mein Fräulein, bin so frei…
Ihr haltet eine edle Frucht,
Nach der, wie’s scheint wir lang gesucht.
Wir wünschten, würd‘ es euch bequemen,
sie unter Augenschein zu nehmen.

Soja:
S’ist meine Birne,
Mirne, mirne!
Runzelt nur die Stirne
Bin keine dumme Dirne
Ihr Tattergreisenhirne
Drum geb‘ ich sie nicht firne.

Grünkern:
Das Weib ist verrückt!
Sie spricht nur wirr!

Dinkel:
Doch steckt Wahrheit drin –
So scheint es mir.
Und wollt ihr meiner drum auch fluchen
ich will’s ein weit‘res Mal versuchen.
(zu Soja)
Lieblich Geschöpf, will sie nicht stehlen,
Nur die Gedanken die mich quälen
Zur Ruhe betten. Das ist alles.
Drum könntest du im Fall des Falles
Ein Blick mir gönnen auf das Obst…

Grünkern:
Du glaubst, daß Wahrheit du erprobst?
Durch bloßes Schauen oder Fühlen?
Im Materiellen willst du wühlen?
Wo nur Verstand, der Intellekt,
Uns zeigen kann wo Wahrheit steckt?
Nur übergroße Geistesmacht,
Nicht zaudernd Fragen, lind und sacht,
Kann uns Natur der Frucht enthüllen!

Dinkel:
Nun gut, ich werd‘ die Neugier stillen:
Schönes Fräulein, ich will’s wagen,
Euch jetzt ein Rätsel abzufragen,
Ein Rätsel, das bislang Geheimnis,
Für Forscher und Poeten Peiniß.
Sag mir, mein Kind, was reimt auf „Mensch“?

Soja (beiläufig):
Ein Cowboy reitet zu ‘ner Ranch.
(springt auf, läuft herum):
Hüh, Pferdchen, hop,
Hop, hop, Hühott!

Dinkel:
O Gott! O Gott!

Grünkern:
O Gott! O Gott!

Dinkel:
Das Rätsel, das seit Anbeginn,
Verwirrte aller Dichter Sinn,
Sie löst es flugs, im Augenblick,
Ironisch wahrlich ist das Schick-
sal zu uns Weisen, die gesucht,
So lange schon die süße Frucht.
Es stimmt, es muß die Birne sein!

Grünkern:
Reiß dich zusammen, ich sag nein!
Der Reim ist zweifellos Betrug!
Mir scheint es keineswegs genug.
Den Mensch, den edelsten der Keimen
Auf fernen Bauernhof zu reimen.
Das kann ich, will nicht akzeptieren!

Dinkel:
Du scheinst nicht gerne zu verlieren.
Banalität, wer hätt’s geglaubt,
Löst Rätsel, die uns Schlaf geraubt…
(überlegt)
Mag das der Birne Botschaft sein?
Daß nicht in Forschen nur allein,
Und nicht in Wissen und Erlernen,
An nahen Orten und an fernen,
Die Wahrheit dieser Welt sich zeigt?
Vielmehr wenn man sich tiefer neigt,
Zu Unt‘rem, Dunklen und Banalen,
Zum Schlichten, Simplen, Trivialen
Das scheinbar hohle Köpfe füllt,
Sich hier die Wahrheit ganz enthüllt.

Soja beginnt die Birne zu essen.

Grünkern (schwankend):
Du meinst…? Ich will es gar nicht glauben,
schier will es den Verstand mir rauben,
Frivolität soll Edles sein?
Dergleichen fiel mir niemals ein!
Doch scheint mir der Beweis erbracht,
Daß hier des simplen Geistes Macht,
Den Weg gezeigt hat uns soeben –
Ich fürcht‘, ich muß mich dem ergeben….

Dinkel (frohgemut):
So laß uns denn vereinten Mutes,
Dem Mädchen jugendlichen Blutes,
Präsentieren unsre Bitte:
Sie sei in uns‘rem Bund die Dritte!
(dreht sich zu Soja)
Doch ach!

Grünkern (entsetzt):
Doch Weh!

Dinkel:
Ich kann’s nicht glauben, was ich seh‘!
Das Epitom der alten Sagen!

Grünkern (nüchtern, zerstört):
…ruht faulend nun in ihrem Magen…

Niedergeschlagene Stille. Soja rülpst.
Langsam wandelt sich die entsetzte Starre der beiden Herren in Heiterkeit.
Nach und nach brechen sie ihre steife Haltung und beginnen sich lachend um den Hals zu fallen.
Sie umarmen Soja und beginnen mit ihr zu tanzen…

Nach einer Weile fassen sie sich und neuen Mut. Sie richten sich auf und den Blick nach vorn.

Dinkel (aufgekratzt):
Auf zu neuen Taten!
Auf zu grün’ren Wiesen!
Mit Hacke und mit Spaten,
Ins Land der Geistes-Riesen!
(ab)

Grünkern (ebenso):
Mit Pep und Pop und Drive
Nie wieder nüchtern-steif,
Ab jetzt ruled Flower-Power!
(ab)

Soja (sieht ihnen nach, und wendet sich dann zwinkernd zum Publikum):
Also, eigentlich…
Die Birne, die war ziemlich sauer…

(verzieht das Gesicht, lachend und tanzend ab, den andern hinterher)

© Harald Havas 2001

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s