Die Comics werden erwachsen? Schon wieder?! *stöhn*

oder:
Alles, was Sie schon immer über Comics, Graphic Novels, deren Rezeption und die verborgene Welt der Austrocomics wissen wollten, aber nie zu fragen wagten
(Eine Tirade)

In den 1980er-Jahren gab es im deutschsprachigen Raum eine große Bewegung zur Etablierung der Comics als Erwachsenenmedium. (Obwohl es das eigentlich schon immer war.) Diese Bewegung hatte einen gewissen Nachhaltigkeitseffekt in Deutschland. Und keinen messbaren in Österreich.

PICTOPIA-AusschnittVergangene Woche gab es eine Live-Talksendung auf Ö1, dem führenden Kulturradiosender Österreichs, zum Thema Comics. Im „Nachtquartier“ (Start um 00:08 Uhr) war Sebastian Broskwa, Comic-Buchhändler (eigentlich –Vertreiber), Wirtschaftspsychologe und unermüdlicher Kämpfer für die „Neunte Kunst“ in Österreich eine Stunde lang zu Gast. Ok, um diese Zeit sind kaum mehr als ein paar Hundert Zuhörer zu erwarten – aber immerhin! Eigentlich ein Anlass zur Freude für Freunde der Comic-Kultur. Auch am Inhalt, der das Problemfeld Comic und „Graphic Novel“ (deren Auftauchen in den letzten Jahren, wenn auch nur als Feigenblatt-Begriff, die Sendung wohl erst ermöglichte, doch dazu später) gut und umfassend abhandelte, war nichts zu bemängeln. Das einzige Problem ist das Jahr der Ausstrahlung.
Zweitausendfuckingdreizehn.
Sämtliche Inhalte (minus Bezüge zu Manga) hätte eine Sendung auch schon 1985 abhandeln können. Gott, sie WURDEN damals abgehandelt!

Die 1980er – das Jahrzehnt, in dem die Comics das erste Mal erwachsen wurden

Sie wurden abgehandelt in Tageszeitungen, in Magazinen, auch im Radio, unter Titeln, die meist in etwa lauteten: „Bumm! Krach! Die Comics werden erwachsen!“ Titel, die das Unverständnis ihrer Autoren für das Medium, das sie eben in ihrem Artikel der Kinderstube oder der Pubertät entreißen wollten, bereits in sich trug. Denn Onomatopöien sind kein Muss im Comic und werden gerade in Comics für Erwachsene (und Graphic Novels) eher spärlich eingesetzt. Wobei das ihre Rolle im Medium nicht Whamherunterspielen oder abwerten soll, im Gegenteil, sie sind integraler Bestandteil des Großteils der Comic-Literatur und gerade bei Action oder im Humor-Sektor unverzichtbar. [Und wie praktisch sie für die Darstellung von Emotionen (*freu*, *ächz*) sind, zeigt dass sie von der modernen Kommunkation via SMS und Web aufgesaugt und adaptiert wurden. Siehe auch meine sprachwissenschaftliche Seminararbeit über emotionale Onomatopöien als „Protoglosseme“. Leider unpubliziert, sorry.]
Aber Geräuschworte sind leider auch die am größten gedruckten Wörter in den Comic-Bildern – und damit oft die einzigen, die Kritiker des Mediums ab der 1950er-Jahre gelesen und wahrgenommen haben. Daher stammt auch das Vorurteil, eines von Hunderten, Comics hätten eine sogenannte „Peng-Sprache“; was immer auch das sein soll, denn die Dialoge in den Sprechblasen sind ganz normales Deutsch. [Anm.: Ich als geübter Comic-Leser nehme Onomatopöien nur am Rande wahr, ich lese sie nie; sie fungieren als eine Art Bildmarke für die im gedruckten Medium nicht vorhandene Geräuschebene. Auch im Film denke ich gemeinhin nicht an das Knarren einer Tür, wenn sie knarrt, und noch weniger an den Geräuschtechniker, der das Knarren, im Regelfall ganz ohne Tür, erzeugt hat.]

Nichts für Kinder

Die vermeintliche Dominanz von Geräuschworten ist ein ebenso unausrottbares Vorurteil, will mir scheinen, wie jenes, dass Comics ein Medium für Kinder wären. Oder zumindest als Solches erfunden wurden. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn Comics beziehungsweise Bildergeschichten wurden ursprünglich für Erwachsene erfunden und von Erwachsenen rezipiert, völlig egal ob man die Biblia Pauperum, den Teppich von Bayeux, Rodolphe Töpffer, Wilhelm Busch oder The Yellow Kid und The Katzenjammer Kids als Ursprung und Anfang des Mediums ansetzt.Foxe's_Book_of_Martyrs_-_John_Rogers
Wie auch immer. Damals in den (späteren) 1980er-Jahren gab es eine ganze Flut solcher ernsthafter Artikel zu Comics aller Arten und Sorten. Unter anderem von mir. Denn als freier Jungjournalist konnte ich am leichtesten Geschichte über Comic-Themen platzieren, da niemand sonst sie anbot. Und so schrieb ich (neben meiner Tätigkeit als Chefredakteur des Fachmagazins COMIC FORUM) Artikel für das profil, die Wochenpresse, Die Bühne, den Kurier, für das Extra der Wiener Zeitung und das Album des Standard, hatte eigene Comic-Kolumnen in der Wiener Zeitung und Skip und verfasste regelmäßig Comic-Kritiken für die Buchbesprechungen im Standard. Alles gut und schön. Und mit einer Nachhaltigkeit gegen Null.
Denn als ich mich in den 1990er-Jahren immer mehr aus dem freien Journalismus zurückzog, nun, ich will nicht gerade sage, dass ich eine Lücke hinterließ, aber es gab im Bereich Comic keine Nachfolge. In keinem dieser Medien. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich der Comic-Journalismus, langsam, zaghaft, aber doch zu entwickeln begann. Übrigens, die (Deutsch-)Schweiz erwähne ich hier übrigens deswegen nie, weil sie durch die Union mit frankophonen (und italienischen) Gebieten Comics bereits seit langem als ernstzunehmende Materie ansahen und darüber bis hin zum Heiligen Gral NZZ berichteten.

Hurra! Daisy Duck wird 75!

Ja, natürlich erschienen auch in Österreich weiter vereinzelte Artikel, einerseits aus der PR-Abteilung von Ehapa zum 50., 60. 70. Geburtstag von Micky, Donald, Daisy, den Neffen oder zum Erscheinen eines neuen Asterix (mit integrierten Magenkrämpfen, maus-cover1siehe in diesem Blog an anderer Stelle). Auch an singulären Erscheinungen wie MAUS oder Watchmen ging die heimische Presse nicht ganz vorbei. Aber von einer kontinuierlichen Berichterstattung zum Medium Comic kann man nicht einmal mit dem besten aller Willen reden. Mit lobenswerten Ausnahmen von Einzelpersonen besonders beim Standard und Kurier, die ich allerdings an einer Hand abzählen kann. Sogar nach einem Sägewerksunfall. Ganze Jahrgänge heimischer Printmedien kann man durchsuchen ohne das Wort „Comic“ einmal im Suchfilter zu fangen.
Und das ist im Wesentlichen bis heute so geblieben. Paradoxerweise ist es gerade das vielgeschmähte Gratis-Medium Heute, das am meisten über Comics berichtet; und zwar durchaus auch über anspruchsvolle bzw. anspruchsvolle Events. Und im Zuge der Verbreitung des Marketingschmäh-Labels „Graphic Novel“ widmet sich nun auch gelegentlich das eine oder andere Qualitätsmedium (im Wesentlichen Kurier, Standard, Ö1, Falter und OÖN) dem lange vermiedenen Thema zu. Zitzerlweise.

Comics, Manga, Graphic Novel

Ein paar Worte dazu. Manchmal werde ich nach dem Unterschied zwischen Comics und Graphic Novels und/oder Manga (es heißt immer Manga – „Mangas“ ist falsch) gefragt. Meine Antwort:
„Comics sind bunt.
Manga sind schwarzweiß.
Und Graphic Novels sind schwarzweiß mit Schmuckfarbe.“
barfussUnd obwohl es natürlich Ausnahmen für diese Regel gibt, steht eines fest, sie sind alle einfach Comics. A comic by any other name… is still a comic. Ja, klar, das was heute unter „Graphic Novel“ läuft beschäftigt sich meist (oft autobiographisch) mit frühkindlicher Misshandlung, Kriegstagebüchern, Emigration… oder ist sonstwie künstlerisch oder literarisch anspruchsvoll. Aber, so what? Barfuss durch Hiroshima schilderte ab 1973(!) sowohl drastisch als auch künstlerisch und literarisch sowie partiell autobiographisch die Erlebnisse der Bevölkerung Hiroshimas vor und nach dem Bombenabwurf. Und ist ein Manga. Go figure. Auch der Begriff „Graphic Novel“ selbst ist nicht neu. Er wurde 1978(!) durch den genialen US-Comic-Zeichner Will Eisner für seinen aus vier Einzelepisoden bestehenden Comic-Roman A Contract with God eingeführt. (Aufgemerkt: die korrekte LF
Übersetzung lautet „grafischer Roman“ NICHT„grafische Novelle“, gelle?) Will Eisner, der Comics auch gerne als „Sequential Art“ bezeichnete, um ihnen den (damals) auch in den USA anhaftenden Geruch von komisch und kindisch zu nehmen, gilt heute als Vorreiter der grafischen Erzählkunst, die er schon in den 1930er-Jahren begann. Auch der wichtigste amerikanische Comic-Preis ist nach ihm benannt. Noch mal: 1978! Und ich kann locker auf Comics aus den 1920er, 1910er, ja sogar 1900er Jahren verweisen, die auch alle Voraussetzungen erfüllen künstlerisch und/oder Graphic Novels genannt zu werden. Beispiele gefällig? Little Nemo, The Kin-der-Kids, Krazy Kat

Was Comics und Atomkraftwerke gemeinsam haben

Dennoch meine Gratulation an das Werbegenie, das angefangen hat „Graphic Novel“.Sticker auf neue (und alte) Comic-Bücher zu kleben und sie an Buchhandlungen zu liefern, damit die sie dort in ihre Graphic Novel-Ecke stellen könne, genau an die Stelle, wo zuvor KEINE Comic-Abteilung war. Wunderbar. Jener Mensch hat die positive Wahrnehmung der Comics in Deutschland noch einmal so richtig turbogeboostet. Und in Österreich (erstmals) angekurbelt.
Wenn auch der Motor hierzulande noch immer stotternd anläuft. Zwar gilt diese Nicht-Berichterstattung in Österreich auch anderen Rand- bzw. jungen Medien- und Kultur-Themen (neue österreichische Musik, junge Kabarettisten, neue Kunst…), aber das Versagen an anderen Baustellen rechtfertigt nicht das Versagen dem Medium Comic gegenüber. Wobei ich da niemanden anklagen will. Denn diesen Zustand verdanken wir – einerseits – einigen typisch österreichischen Eigenschaften (die ich u.a. auch in meinem Buch Die Größten Gefahren Österreichs satirisch aufgearbeitet habe) und die sich, nun, mit einer Bewahre generellen Skepsis dem Neuen gegenüber zusammenfassen lassen. Diese Eigenschaften sind nicht immer schlecht, u.a. haben wir deswegen keine Atomkraftwerke, aber im vorliegenden Fall sind sie doch beklagenswert.Und – andererseits – verdanken wir die Nicht-Beachtung, ja, die Scheu dem Thema gegenüber den bis heute nachwirkenden massiven Verleumdungen der Comics durch Kampagnen pädagogisch wohlmeinender Institutionen. (Angeblich wohlmeinend, es gibt auch Hinweise, die anderswo hinzielen.) Der Kulturkampf tobte in Österreich besonders lang. Während in Deutschland die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften und die Jugendschriften-Warte ihren – zuvor heftigen – Kampf gegen die Comics Mitte der 1960er Jahre langsam aufgaben (und sich dem Fernsehen zuwandten), wetterte in Österreich der „Buchklub der Jugend“ vor allem in seinen Jahrbüchern bis in die 1970er Jahre hinein gegen die Comics als Verderber junger Seelen. [Federführend hier Richard Bamberger und Walter Jambor u.a. mit ihrem Buch Die unterwertige Lektüre.] Mehr dazu – vor allem in den aus mehreren Dutzend Zeitungsartikeln bestehenden extensiven Quellen – meiner Dissertation „Vorurteile gegenüber neuen Medien am Beispielfall Comics.“ Leider unvollendet und unpubliziert, sorry.
Jedenfalls wirkt das alles nach in den Köpfen (und Herzen) der Menschen, bis heute. Und so existiert (vor allem) in Österreich nach wie vor ein „Gefühl“, dass Comics „irgendwie“ „irgendetwas“ Schlechtes seien. Allerdings kann heute niemand mehr auch nur ein sinnvolles Vorurteil formulieren ohne schon beim Aussprechen selbst darüber zu stolpern oder Gegenbeweise im Kopf zu haben, und sei es nur, dass Videospiele/das Internet/(…) noch viel Schlimmer seien.
Natürlich ist das Medium Comic auch in Deutschland alles andere als wirklich angekommen (im Gegensatz zu Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, auch Spanien, Italien, der Türkei, den USA und natürlich Japan u.v.a.m.), wie erst vor kurzem eine Aufruf manifest zur Aufwertung (und Subvention) von Comics in Deutschland zeigt. Aber die Eigen-Produktion und Wahrnehmung liegt locker Jahrzehnte vor der in Österreich.

Österreich, die Krypto-Comic-Nation

Dabei sind Österreich und Comics einander alles andere als fremd. Sowohl historisch betrachtet, als auch was den vergangenen und aktuellen internationalen Erfolg heimischer Zeichner und –innen betrifft. Nur weiß das aufgrund mangelnder Berichterstattung darüber hierzulande kaum wer. Tatsächlich gab es in Wien bereits ab der Mitte der 1920er(!)-Jahre eine enorme und für den deutschen Sprachraum einzigartige Comic-Produktion. Wie durch die Ursprünge des Mediums selbst diktiert, natürlich für Erwachsene (siehe oben.) 1921(!) erschien ein schlüpfriger Einseiter von Peter Eng in der Muskete; ab 1924 erlebte die Familie Riebeisl in der linken satirischen Wochenzeitschrift Der Götz von Berlichingen sozialparodistische und gelegentlich zweideutige Abenteuer; im „Götz“ gab es dazu noch andere Comics wie die Geschichten im Gaunermilieu von „Schurl und Turl“; und ab 1930 erschien der Tagesstrip Tobias Seicherl in der zuerst linken Zeitung „Das kleine Blatt“. Täglich, oftmals politisch, und in Wiener Dialekt. Sogar die Pogromnacht fünf Jahre später und andere Nazi-Gräuel wurden darin – besonders in einem eindrucksvollen Einseiter von 1932 – vorhergesehen.
2009-10-08-Kmoch-SeicherlSeicherl war so populär, dass er, entpolitisiert, auch im präfaschistischen Ständestaat weiter erschien. Ja, sogar nach der Annektion durch Deutschland, gleichgeschaltet, bis in die Kriegsjahre hinein. (Übrigens nicht der einzige Comic, der im 12 Jahre bestandenen Tausendjährigen Reich, um gleich noch ein anderes Vorurteil anzusprechen.) Insgesamt mehrere Tausend(!) Comic-Strips. Auch in der Nachkriegszeit erschien Seicherl, entnazifiziert, wieder einige Jahre lang und brachte es auch hier auf mehrere Hundert Seiten. [Über all das hab ich in den Archiven der Nationalbibliothek geforscht, die Artikel sind nachzulesen in den Jahrbüchern der Deutschen Comic-Forschung 2009, 2010 und 2012.]
Und es gab noch viele weitere Comics (für Erwachsene) aus und im Österreich der Zweiten Republik. Verstärkt ab den 1970er Jahren. Mit teilweise internationalem Erfolg. So wurde dem europaweit verlegten Steirer Chris Scheuer 1984 als erstem Zeichner überhaupt beim Comic-Salon Erlangen der Preis für den „Besten deutschen(sic!) Comic-Zeichner“ verliehen. Weiters publizierte Ronald Putzker, bekannt auch durch seine Arbeiten für die Ostbahn Kurti-LPs, seine Serien international. Mit „Fön-X“ erschien auch ein kurzlebiges eigenes heimisches Comic-Magazin mit gewissem Anspruch und Bedeutung. Als eine der wenigen heimischen Printmedien publizierten zu der Zeit (also die 1990er) auch die Tageszeitung „Täglich Alles“ und die Wochenzeitung „Die Ganze Woche“ Comics. Unter anderem von einem der besten Zeichner Österreichs Heinz Wolf.
Aber wie wenig nachhaltig die Comics bei uns verankert waren und sind, geradezu ein medialer Flachwurzler, zeigt ein anderes Beispiel aus der Presse: 11 Jahre lang erschien der tägliche politsatirische Strip Superrudi in der Kronen Zeitung, der wahrscheinlich größte heimische Output nach Tobias Seicherl, nur um nach einem Zwist zwischen seinem Zeichner und Allvater Hans Dichand von einem Tag auf den anderen gekippt zu werden. Ohne Ersatz. Und ohne nachfolgendem österreichweiten Aufschrei.

Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande

MahlerWomit wir in der Gegenwart angekommen wären. Wo es aktuell mehrere heimische Comic-Zeichner zu beachtlichen bis großen internationalen Erfolgen gebracht haben und bringen ohne in ihrer Heimat eine wesentliche oder gebührende oder teilweise überhaupt existente Beachtung zu finden. Allen voran Nicolas Mahler, seit Jahren international (Deutschland, Schweiz, Frankreich, Kanada…) erfolgreicher Zeichner satirischer Miniaturen, Vielfachpreisträger – deutscher! – Kulturpreise und der wohl aktuell würdigste Nachfolger des feinsinnigen aber abgründigen Humors der Wiener Kaffeehausliteratur. Gerade seit seiner Umsetzung von Thomas Bernhard Alte Meister (für freaking Suhrkamp!) und seiner aktuellen Bearbeitung von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften (dito) findet er auch in Österreich ein wenig Aufmerksamkeit. (Die Bearbeitung eines englische Klassiker Alice in Sussex blieb hierzulande ohne Echo.) Unter anderem im Zuge der ihm gewidmeten Ausstellung im Karikaturmuseum Krems, das seit zwei Jahren von einem ausgesprochenem Comic-Freund und Gründer des einzigen Comic-Festivals in Österreich („NextComic“ in Linz) geleitet wird. Lust
[„NextComic“ findet mit großem Engagement und flächendeckenden Aktionen in ganz Linz seit 6 Jahren statt. Ebenfalls ohne die Wahrnehmungsschwelle der meisten heimischen Medien zu durchbrechen.] Musil und die Ausstellung bescherten Nicolas Mahler sogar einen hochwertigen Bericht im „Morgenjournal“, eine der wichtigsten Informationssendungen des Landes. Auch wenn er im Begleittext auf der Homepage von Ö1 (wieder einmal) als „Nikolaus Mahler“ bezeichnet wurde. Eine andere bedeutende Comic-Autorin, die in Berlin lebende Ulli Lust, feiert mir ihrer 464-seitigen Graphic Novel Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens, eine autobiografische Aufarbeitung ihrer Italienreise als 17-Jährige Ausreißerin ohne Pass und Geld zwischen Bettelei, fast-Prostitution und Mafia-Erlebnissen, weltweit Erfolge. Unter anderem wurde der international ausgezeichnete „Ziegel“ (= enorm großes Publikationsrisiko) bisher in Frankreich(!), Spanien, Norwegen, Schweden, Finnland, Italien und den USA(!) verlegt. Und quer durch das Feuilleton der entsprechenden Länder, auch und zuerst in Deutschland, besprochen. Nur nicht in Österreich.
ChickenAuch der große, auch kommerzielle Erfolg der Comic-Self-Made-Woman Nina Ruzicka und ihrer satirisch-amourösen Saga Der Tod und das Mädchen (begonnen in einem großartigen Projekt auf der ORF-Website, dem „Comic-Channel“ [2000-2005], ersatzlos abgedreht durch Proteste des Zeitungsherausgeberverbandes) wurde und wird hierzulande kaum rezipiert.
Schon gar nicht die seit Jahren erfolgreich und weltweit erscheinende Funny-Strip-Serie Chicken Wings der österreichischen Brüder Michael und Stefan Strasser.
Molch Oder die kleinen künstlerischen Publikationen wie Murmel-Comics. Oder die vielen interessanten Comic-Bücher heimischer ZeichnerInnen in kleinen heimischen Literatur-Verlagen wie Luftschacht und Milena. Oder die in seiner edition prequel selbst verlegten Werke von Jörg Vogeltanz. Oder ZeichnerInnen wie Heinz Wolf, Nina DietrichThomas Kriebaum, Walter Fröhlich, Gerhard HadererGabriele SzekatschThomas Aigelsreiter, Michaela Konrad, Michael Wittmann… Oder der Möglichkeit des Comic-Studiums in Wien. Oder originellen Initiativen wie der Comics-Box. Und, und, und.SFAuch dass wöchentlich und über die Jahre viele Comics aus österreichischer Produktion erscheinen, wenn auch für Kinder- und Jugendmagazine wie Sparefroh, JetFriends (AUA),
Apolino (Apotheken), Topic (Schulmagazin) und für Firmen wie Ströck oder Wien Energie und andere, ist kaum bekannt. [Wer ein paar lesen will, viele davon hab ich getextet und gesammelt: Link].

Comiclesebedürfnis

Jammern auf hohem Niveau also? Nein. Österreich liegt in der öffentlichen Wahrnehmung eines seit 100 Jahren voll etablierten künstlerischen wie auch Unterhaltungsmediums weit zurück. (Etwa auf Stand 1980.) Wenn auch solche Sendungen wie eingangs erwähnt und die Etablierung von Graphic Novel-Ecken in heimischen Buchhandlungen, und die Comic-Stände bei der „BuchWien“ ein wenig Anlass zur Hoffnung geben.
Nein, das Interesse, die Lust am Lesen von Comic s (ich habe sogar einmal eine Art Comic-Lesebedürfnis postuliert, aber dazu vielleicht ein andermal) ist da. Und könnte noch viel mehr genutzt werden. Nicht nur, vor allem aber medial.
Übrigens, das mögliche Argument, dass sich die heimischen Medienkonsumenten nur in einer geringen Zahl für dieses (Rand-)Thema interessierten ist ein Henne-Ei-Problem und lässt sich durch eine Anekdote leicht entkräften. Im Jahr des Erscheinens von Watchmen als gebundene Ausgabe, 1987, erschien aus dem blitzblauen Nichts heraus im profil ein zweiseitiger Artikel über diese Graphic Novel (har, har), ihre Komplexität, ihre Genialität… Ortswechsel: die damals führende Comic-Buchhandlung Wiens in der Zollergasse hätte unter normalen Umständen 10-15 Stück dieses Bandes verkauft. In der Woche des profil-Artikels langten allein in diesem Geschäft 350(!) Bestellungen ein! Von Leuten, die sicher jahrelang keinen Comic mehr in der Hand gehabt hatten. Und nota bene sprechen wir hier von der Originalausgabe. In Englisch.

Nachsatz:
Noch ein bissi patriotisch-nutzloses Wissen: nicht nur im Film und in der Literatur hat Österreich berühmte Emigranten oder Emigrantenkinder aufzuweisen. Auch im Comic und Cartoon gibt es eine ganze Reihe solcher. So stammte der Vater von oben erwähntem Will Eisner aus Wien; ebenso waren die Eltern der Trickfilmpioniere und Brüder Fleischer (die unter anderem die ersten Superman-Trickfilme produzierten und ihm die Fähigkeit zu fliegen verliehen) Österreicher, und auch Jack Kirby, dem geniale Miterfinder fast aller Marvel-Comic-Helden von Hulk über Thor, den Fantastic Four und Captain America bis Daredevil und Iron Man, war Sohn österreichischer Emigranten. Und hieß eigentlich Jacob Kurtzberg.

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