In Sachen Wurst


Der Sieg von Conchita Wurst, alias Tom Neuwirth, beim diesjährigen Eurovision Songcontest hat eine Welle der Euphorie und positiven Gefühle durch die internationalen Medien und vor allem die „sozialen Medien“ wie Facebook und Twitter gespült. Und die Disser und Hater, die im Vorfeld nicht gerade zimperlich mit der Sängerin umgegangen sind, für eine Weile zum Verstummen gebracht.

Andererseits gibt es auch diejenigen, die sich durch den Hype belästigt fühlen, den „Sieg der Toleranz“ bezweifeln und sich auch darüber beschweren, dass ihre abweichende Meinung von den die Toleranz und Akzeptanz Feiernden wiederum nicht toleriert und akzeptiert wird.
Zum Teil sicher berechtigt, everybody loves a winner, und so mancher Konvertit war vorher ein Conchita-Gegner (weil er sich in der Sicherheit der Mehrheit wähnte), der sein immanentes Dagegensein jetzt eben gegen die verbliebenen Conchita-Gegner wendet (weil er sich damit jetzt in der Sicherheit einer neuen Mehrheit zu befinden scheint). Ja, das mit der Toleranz müssen auch die neuen Toleranz-Fans erst noch ein wenig verinnerlichen…
(Conchita Wurst selbst ist immer tolerant und freundlich mit ihren teilweise rabiaten Widersachern umgegangen.)

Jedenfalls bewirkt dieser Sieg weltweit millionenfache Diskussionen. Das halte ich jetzt einmal für eine gute Sache. Und bin auch ein Teil davon, vor allem auf Facebook, ein wenig auf Twitter und auch auf YouTube. Dabei sind in der Konfrontation und im Austausch einige Ideen und auch Fakten aufgetaucht, die mir aufbewahrenswert erscheinen.
Und die möchte ich daher im Folgenden gerne zusammenfassen.


1. An Conchita ist nichts neu, Dana International hat ja auch schon gewonnen, Sieg der Toleranz – so ein Quatsch, der Bart hat gesiegt nicht das langweilige Lied

Also, zuerst einmal zu einigen der häufigsten Thesen gegen den Jubel.
Einer der oft gehörten Punkte ist dabei, dass ja bereits 1998 die transsexuelle Dana International aus Israel den ESC gewonnen hätte. Und der Transvestit Verka Serduchka 2007 Platz 2 erreichte. Also, alles Quatsch mit dem Toleranzzeichen der Wurst?
Ich seh das anders. Nämlich so:
Dana ist jemand, der als Mann geboren wurde, sich damit nicht wohl gefühlt hat und seinen Körper umgewandelt hat. Solche Menschen genießen, warum auch immer weitaus mehr Toleranz, als viele andere Randgruppen wie etwa Homosexuelle. Vielleicht weil die Leute das irgendwie eher akzeptieren können, dass sich da jemand entscheidet die Seite zu wechseln. Nämlich von einer klar definierten Seite zur anderen klar definierten Seite. Oder vielleicht auch weil man das seelische Leid „im falschen Körper zu stecken“ eher akzeptiert.
Außerdem: Dana war aus Israel, und da beißt sich jeder Kritiker lieber zwei Mal auf die Lippen bevor er sich die Finger verbrennt.
Verka andererseits zeigt das „gewohnte“ Bild eines Travestiekünstlers: ein Mann, der sich mehr schlecht als recht als Frau verkleidet und dann lustige Dinge singt und tut. Das ist Showbiz, das kennt man von Schenkelklopfershows. Frauen erkennen sich nicht in der Parodie wider oder in ihrer Weiblichkeit bedroht, Männer nicht in ihrer Männlichkeit. Und mit wem der dickliche oder zu große oder breitschultrige Frauendarsteller eventuell Sex hat, interessiert niemand und man will es sich auch gar nicht vorstellen.
– So, nun zu Conchita Wurst. Conchita ist kein „normaler Transvestit“, sie ist ein Mann, wozu sie auch steht, dazu ein schwuler Mann, wozu sie auch steht, der sich aber eben als Frau verkleidet, weil er das einfach mag, aber dabei durch den Bart trotzdem betont ein Mann zu sein. Das irritiert auf vielen Ebenen. Dana hat sich entschieden, Verka ist eine Verkleidung, aber Conchita beharrt darauf alles gleichzeitig zu sein – nämlich eine wunderschöne Frau und ein Bursch mit Bart.
Natürlich ist es auch eine bewusste Provokation, ein Gimmick um Aufmerksamkeit zu erregen, aber eben nicht nur. Und dass dieses Zeichen notwendig war, sieht man an den hasserfüllten Reaktionen.Vor allem der Männer und Frauen, die sich tatsächlich durch Tom bedroht fühlen. Hetero-Männer, die ihn geil finden und ihn dafür hassen. Frauen, die ihn hassen, vielleicht weil er als Mann eine perfektere Frau ist als sie, was weiß ich. Jedenfalls gibt es da einen großen Unterschied zu ihren Vorgängerinnen.

PS: dass Dana gewonnen hat und Verka zweite wurde, widerspricht nicht der Message der Toleranz des ESC-Publikums, sondern im Gegenteil sie unterstützt sie: die Leute haben eben schon öfter ein Zeichen gesetzt!

PPS: Jeder Mann mit langen Haaren hat sich noch vor 30 Jahren in (u.a.) Wiens Straßen Beleidigungen anhören können. Und nicht selten die jetzt im Zusammenhang mit Conchita wieder oft gehörte Frage, ob er denn jetzt ein Mandl sei oder ein Weibl. Und Frauen mit kurzen Haaren standen sofort im Lesbengeneralverdacht. Das hat sich geändert, glücklicherweise. Und durch Conchita wird sich wieder ein Stück (zum Besseren) ändern. Glücklicherweise.

Sieg

Nächster Punkt. Oft wird Conchita auch über ihr Lied und ihre Performance angegriffen. Das Lied sei langweilig, Dutzendware, ihr Auftritt durchschnittlich und ohne den ganzen Hype hätte sie nie gewonnen. Und wenn ein Land oder eine Jury sie nicht ganz vorne gesetzt hat, sei das natürlich gleich Intoleranz und hätte mit dem tatsächlich schwachen Lied nichts zu tun.
Dem würde ich folgendes entgegen halten:

Man kann den Song mögen oder nicht, aber es ist ein guter (ESC-)Popsong. Außerdem war Conchitas Auftritt auch optisch und gesanglich einer der besten. Und wenn man das mit der Jury genauer ansieht, wirst man entdecken, dass gerade die Jurys von Ländern, die wirklich was von (Pop-)Musik verstehen (Italien, Frankreich, England, Spanien, Israel…), „Rise Like a Phoenix“ durchgehend sehr weit vorne gereiht haben. Die Zustimmung dieser Jurys ist auch eine Zustimmung zu dem Lied. Die Ablehnung der Jurys, die fast alle ganz weit östlich saßen, ist dafür wohl eher keine Kritik an der Qualität des Songs, sondern wohl deutlich reaktionär-politisch bestimmt. Ich glaub, das ist offensichtlich und man lehnt sich echt nicht weit aus dem Fenster, wenn man das so sieht.

Also, was hat dann nun eigentlich da gewonnen?
– War es das Lied?
– War es die Performance?
– War es die Stimme?
– War es die Background-Lightshow?
– War es der Bart?
– War es die Conchita-Persönlichkeit?
– War es die Botschaft?
– War es der Wirbel um die Hater?
Antwort: alles in Kombination hat gepasst, sonst hätte es nicht funktioniert.
Nur eines davon oder auch zwei hätten nicht gereicht.

2. Ein wohlwollende Welle

Nun zur anderen Seite der Kommentierenden. Der Seite der positiven Zustimmung, die im Sieg von Conchita Wurst auch ein Zeichen sieht, einen außergewöhnlichen Moment, vielleicht eine Wende. Die Seite, auf der ich mich auch sehe. Denn in diesem Zusammenhang bin ich über einige Dinge besonders froh.

Ich bin froh…
… darüber, dass ich Tage vor dem Sieg des Liedes dem Drang widerstanden hab einige eher unklare Passagen von „Rise Like a Phoenix“ in meiner Lyrik-Lesung verarschend zu übersetzen sondern versucht habe sie im Sinne der Botschaft zu interpretieren.
… über die ganzen positiven Dinge, die der 80-jährige Don Juan Udo Jürgens über die Bartfrau Conchita Wurst gesagt hat.
… dass Conchita bei ihrem Auftritt als Siegerin in der Bridge und im dritten Chorus spontan den Text von „Ich“ auf „Wir“ – „We rise up to the sky/You threw us down but/We’re gonna fly … Once we’re transformed, once we reborn“ – geändert hat. (Und, not related, dass ich das rausgehört habe).
… die Tweets von Cher und anderen internationalen Prominenten.
… über alles, das Poeten-Legende André Heller am Sonntag in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ über sie, den Sieg, das Lied und dessen Bedeutung gesagt hat. Nämlich unter anderem:

„Ich glaube, dass das eine Kostbarkeit ist. Ein Mensch, der innerlich und äußerlich schön ist. So empfinde ich sie. Ein Wesen mit einem hohen Bewusstsein. Einer wirklich ausgeprägten Klugheit. Die sagt in Interviews nicht einen dummen Satz. Sie ist immer originell, sie ist behutsam, sie ist überhaupt nicht aggressiv, sie geht sehr nobel mit ihren Gegnern um. Sie hat ein gutes Selbstbewusstsein, das ich ihr abnehme, sie hat einen guten Selbstwert. Sie will lieben und geliebt werden! Das ist das Vernünftigste und Schönste, was man sich wünschen kann.“ *


3. Tom

Wer sich die Werdung der Wurst ansehen möchte, hier ein paar Clip-Tipps:

– Conchita – The Prequel. Viele sagen ja „Rise Like A Phoenix“ klingt wie ein James-Bond-Lied. Aber nicht viele wissen, dass Conchita, damals noch als Tom, schon einmal mit einem echten Bond-Song in einem Show-Finale aufgetreten ist. In Teilen schon recht conchitaesque: http://youtu.be/ao7v0uOk4-Y
Tom
Conchitas allererster Auftritt überhaupt war einer dieser Casting-Show-Momente, wo sich das spöttischer Grinsen von Juroren und Publikum nach und nach in totale Begeisterung wandelt. Und ich denke, so ist es nach und nach Millionen in Europa und darüber hinaus ergangen: http://youtu.be/p-XsgLDnvEE

– Hier noch eine bessere Version, allerdings ohne die Reaktionen davor und danach: http://youtu.be/WmL7m0by4UQ


4. Österreich

Ja, Österreich hat zum ersten Mal seit gefühlten 300 Jahren gewonnen. Ja, jetzt streiten bald wir ums Geld, den Austragungsort, die Moderatoren… Aber das ist egal. Und es geht auch keine schulterklopfende Patriotismuswelle durchs Land. Conchita gehört zu uns, aber sie gehört nicht uns. Sie gehört Europa, sie gehört der Welt. Uns sie gehört vor allem sich selbst.

Darum möchte ich ihr auch den Schluss überlassen mit den Worten, die sie am Ende des Abends dem jubelnden Publikum zurief:

“This night is dedicated to everyone who believes in a future of peace and freedom. You know who you are! We are unity and we are unstoppable!”

*Transkript via Astrid Hamberger

 

 

 

 

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