Warum der Dschihad geiler ist als MediaMarkt

Alle Welt wundert sich gerade, wieso nette, oft gut ausgebildete, integrierte und in Europa geborene Jugendliche plötzlich nach Syrien aufbrechen, um im Namen Allahs Leuten Köpfe abzuhacken. (Noch dazu, wo Allah vermutlich gar nicht damit einverstanden wäre, wenn man ihn konkret danach fragen würde.)
Ich wundere mich auch darüber. Allerdings auch über offenbar immer religiösere oder sonstwie fanatischere Menschen weltweit – von christlichen Fundamentalisten über Neo-Faschisten bis hin zu russischen Nationalisten.
Wieso etwa nehmen in Europa geborene muslimische Frauen freiwillig das Kopftuch, das ihre Mütter und Tanten längst abgelegt haben? Wieso ist es wieder schick im Namen von Jesus jeden zu verdammen, der nicht buchstabengetreu nach der Bibel leben will? Wieso haben alle diese halb-irren, geifernden Hass-Gurus von Rechts und Links wieder so viel Zulauf?
Nun, es gibt vermutlich ein Bündel von Antworten, je nach Land, Ideologie und individuellem Fall unterschiedlich.
Aber ich glaube, es gibt auch eine generelle Antwort. Und die heißt schlicht:

Der (neo-liberale) Kapitalismus hat die Menschen verraten.

Ok, bevor mich hier alle für eine Marxisten, Maoisten, Punker oder sonstwie staatsgefährdenden Anarcho halten, kurz die Erklärung für diese Aussage.

Konsum ist meine Religion

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war vor allem der Westen, aber nicht nur der, sehr erfolgreich in der Zurückdrängung der jahrhundertelangen Vorherrschaft der Religionen. Und auch radikale Ideologien waren, sagen wir mal ab den 70ern, 80ern nicht mehr so gefragt.
Wie das? Nun, was will der Mensch… Generell gesagt, Glück, Gesundheit und ein gutes Leben.
Und wenn man nicht gerade austherapiert, Buddhist oder sonstwie erleuchtet ist, sucht man dieses Glück nicht im Inneren, sondern im Äußeren, meist Materiellen.
Der Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit versprach den Menschen genau das. Und lieferte es ihnen auch und zwar in Form von westlichem Konsum-Kapitalismus: jedem sein Auto, jedem sein Haus, Krankenversicherung, immer kürzere Arbeitszeiten, Aussicht auf fette Pensionen, konformistischer Individualismus für alle…
(Dass das zu einem nicht geringen Teil auf Kosten der Ausbeutung der Dritten Welt klappte, wollen wir hier einmal außer Acht lassen.)
Geld und Konsum waren die neue Religion, die neue Ideologie! Und verdrängten ihre Vorgänger. Das klappte auch hervorragend, solange dieser – sozial abgemilderte, gemäßigte – Kapitalismus sein Versprechen einhielt. In Ländern, die diese Balance noch immer einigermaßen aufrecht halten, wie etwa in den skandinavischen Ländern, klappt das auch noch immer ganz gut. (Ja, ich weiß, dort gibt es auch einiges an Retro-Fanatismus, aber im Vergleich…)

Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

toles01212014 carrot not working

Tom Toles, The Washington Post, 1/21/2014 http://www.washingtonpost.com/opinions/toles/

Dort aber, wo der Neoliberalismus, der Turbokapitalismus, das Investmentbanking immer mehr Reichtum (angeblich für alle! Stichwort „Trickle down“-Effekt) versprach, tatsächlich aber gleichzeitig immer mehr Arbeitslosigkeit und Kürzungen von Sozialleistungen – ja, lasst es uns aussprechen, Armut – für immer mehr Menschen lieferte und immer größere Flachbildschirme, Autos und Jachten für immer Wenigere, kurz den Gesellschaftsvertrag brach, dort verlor die neue Religion Mammon an Glaubwürdigkeit. Und Gläubigen.

– Denkt wirklich jemand, dass Leute mit Hartz IV und oder drei bis vier 1-Euro-Jobs noch an das Versprechen von „jeder kann es schaffen, wenn er sich nur genug anstrengt!“ glauben? (Außer vielleicht in den USA, aber die glauben ja auch, dass es eine gute Idee ist, 8-jährige mit Uzis herumballern zu lassen.)
– Denkt wirklich jemand, gut ausgebildete Fachkräften ist es egal, dass sie nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, wenn ihr Nachname ausländisch klingt? Oder sie über 40 sind?
– Denkt wirklich jemand HochschulabsolventInnen finden das cool als Generation Praktikum bis über 30 keinen normalen Job zu finden und inzwischen bei Mutti zu leben?
Nein, die neue Religion des unbegrenzten Konsums hat ihr Heilsversprechen gegenüber immer mehr ihrer Anhänger nicht eingelöst. Ihr Gott hat sich als Popanz entlarvt, der nur seinen Priestern Fülle gibt, nicht aber seiner Gemeinde. Brot und Spiele, Marke Mittelstand, würde den meisten Menschen ja reichen. Ein Leben im Substandard mit 200 Satellitenprogrammen und YouTube allerdings nicht. Vor allem nicht, wenn Fernsehen und Internet gleichzeitig die Bilder der 1% ins Wohnzimmer liefern, die auf der anderen Seite der immer gewaltigeren Einkommensschere stehen.

Zurück in den Uterus

Vielleicht waren die Revolten in den französischen Banlieues der Anfang… Vielleicht das neue Erstarken der Rechtsextremen… Inzwischen sind jedenfalls bereits breite Teile der Bevölkerung vom Glauben abgefallen. Übrigens auch in den Ländern der zweiten Welt, siehe etwa der Arabische Frühling, siehe etwa der nationalistische Backlash in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken.
Und weil die meisten Menschen, wie schon erwähnt nicht austherapiert, Buddhisten oder sonstwie erleuchtet sind, suchen sie das (verlorene, versprochene) Glück wiederum im Äußeren – teilweise in Alt-Bewährtem.
In Ideologien also, die ihnen entweder doch noch ein Stück vom Kuchen versprechen, wenn sie die [fill in blank: Ausländer, Asylanten, Liberale…] nur genug hassen und unterjochen; oder in Religionen, die ihnen entweder Glück via Hingabe und selbstverleugnender Selbstaufgabe (und massivem Kinderkriegen) im Diesseits oder zumindest nach dem beschissenen Leben hier und jetzt im Jenseits versprechen. Zurück in den Schoß der Kirche – oder des Propheten, Heim zu Stalin – oder ins Reich. (Oft auch beides, siehe diverse Allianzen zwischen (Ost-)Kirchen und Retro-Potentaten.)

Und für manche führt dieser Weg eben nach Syrien.

 

 

PS: Und die Lösung? Ja, kann es überhaupt eine geben? Aber klar. Soziale Gerechtigkeit für alle, Umverteilung, Mindesteinkommen, Regulierung aberwitziger Finanzmarkts-Eskapaden, Ende des (vererbbaren) Superreichtums für Einzelne, Miteinander statt Gegeneinander, Förderung der Schwachen, Humanismus und Toleranz als Unterrichtsfach in der Schule, Nachhaltigkeit statt Ausbeutung, Trennung von Staat und Kirche, Chancengleichheit für Menschen jeder Nationalität oder Hautfarbe, jedes Geschlechts oder geschlechtlicher Orientierung und jedes Alters im Berufsleben usw., etc., pipapo.
So langweilige, vernünftige Dinge halt.

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7 Gedanken zu “Warum der Dschihad geiler ist als MediaMarkt

  1. Danke Harald Havas, jedes Wort in dieser Analyse spricht mir aus dem Herzen. Man kann es (bei Gott) nicht treffender sagen!

    Aber werden die Priester der gescheiterten Religion „Kapitalismus“ erkennen und ablassen oder werden sie stur die Menschen in den Extremismus treiben und eine vielleicht noch gar nicht vorstellbare Katastrophe auslösen?

  2. Nun, ich bin kein Prophet, aber ich denke wenn der aus dem Ruder gelaufene Turbokapitalismus sich nicht wieder in Richtung gemäßigtem, sozial gerechten Kapitalismus (eine komplett andere Alternative sehr ich vorerst nicht) bewegt, wird es früher oder später zu einem Sturm auf die Gated Communities kommen…

  3. ein zurück des kapitalismus wird es leider nicht geben, denn die spirale dreht sich leider nur in eine richtung, glaube ich, und das macht das thema so brisant und so katastrophal.

    • Mag sein. Aber es gibt auch Gegenstimmen. Siehe:
      „Die Null Grenzkosten Gesellschaft“: Jeremy Rifkin schreibt in seinem Buch über das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und den daraus eventuell resultierenden Rückzug des Kapitalismus (Campus Verlag).

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