Wieso die deutsche Sprache an der Wirtschaftskrise „schuld“ ist

Seltsam aber wahr: nicht nur der deutsche Sparkurs sondern auch die deutschen Worte „Sparen“ und „Schulden“ selbst tragen eine gehörige Mitverantwortung an dem derzeitigen Finanzdebakel Europas. Und zwar so:
Vor über einem Jahr erwähnte ein Diskussionsteilnehmer in einer Fernseh-Talksendung etwas, das mir bis heute immer wieder in den Kopf kommt, wenn ich wieder über die nicht enden wollende Wirtschaftskrise in Europas die Rede ist. Die scheint nämlich zumindest zum Teil auf einem sprachlichen, nun, Missverständnis zu beruhen.

Ich glaube es war in einem englischsprachigen News-Sender und der Diskussionsteilnehmer war Deutscher. Jedenfalls erklärte der Mann die harte deutsche Austeritätspolitik aus einem recht überraschenden sprachlichen Blickwinkel. Und im Lichte dessen, dass es vor allem Deutschland ist, welches entgegen aller Daten und auch entgegen der Meinung einer zunehmenden Anzahl von Wirtschaftswissenschaftlern auf einen harten Sparkurs besteht, finde ich diesen linguistischen Input äußerst spannend:

1. Die Schuldner sind schuld

Auf Deutsch verbindet man mit „Schulden“ das Wort Schuld. Und damit etwas Negatives, etwas Schuldhaftes. Griechenland hat nicht nur Schulden, es ist an seiner Situation schuld, es ist nicht nur verschuldet, es ist schuldig. Mit diesem Wort „Schulden“ geht automatisch eine moralische Beurteilung, ja, Verurteilung einher, die andere Begriffe wie „Defizit“, „negative Bilanz“ oder sogar „verfehlte Wirtschaftspolitik“ niemals transportieren würden. Das gilt auch für die anderen schuldigen, pardon, mit Schulden belasteten Ländern. Und spielt vermutlich nicht nur im Kopf des (schwäbischen) Finanzministers und der (ex-ostdeutschen) Kanzlerin eine große Rolle: auch bei der deutschen Bevölkerung bzw. allen Deutsch Sprechenden trifft diese scheinbare Logik ebenfalls auf offene Ohren. Das Mitleid für die an den Rand eines Schwellenlandes zurückgeworfenen Griechen mit einem de facto zusammengebrochenen Sozial- und Gesundheitssystem hält sich daher in Grenzen, denn schließlich sind die an ihrer Situation ja selbst schuld! (Diese Haltung findet sich übrigens auch gegenüber den eigenen Mitbürgern, wenn diese Schulden haben, an denen sie ja sicher ebenfalls ganz selbst schuld sind.) Und das gilt auch für alle anderen „schuldigen“ Nationen.
Dieser Hatung und diesem Wort gegenüber steht das englische „debt“, das französische „devoir“, das italienische „debito“ und andere Worte, die einfach nur einen Rückstand, ein Defizit, einen Fehlbetrag, ein Manko, ein Soll bedeuten – und keine besondere moralische Wertung mitschwingen lassen. Das ist der erste Punkt, wieso die harte, ja, oft unbarmherzige Haltung außerhalb des deutschen Sprachraums (mit Ausnahme von Holland, wo es die Doppelbedeutung des Wortes „schuld“ ebenfalls gib) auf so viel Unverständnis stößt. Es gibt aber auch noch einen zweiten.
Denn was ist das beste Rezept der des Deutschen mächtigen deutschen Mächtigen? Sparen natürlich!

2. Spare froh!

Weil Sparen ist super! Das Wort „Sparen“ hat im Deutschen einen rein positiver Wert. Es symbolisiert das Sparsame, das uns seit der Kindheit als wichtig und richtig eingebläut wird! „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.“ Jedes Kind hat sein Sparkonto. Sparfüchse haben ein Bausparkonto. Sparsamkeit ist eine Tugend – nicht nur für jede brave Hausfrau sondern überhaupt. Ganz sicher jedenfalls ist das Wort „Sparen“ in den Köpfen eines Schwaben und einer Ex-Ostdeutschen als Lebensmotto bzw. Lebensnotwendigkeit einzementiert. Daher Sparpolitik bis zum Abwinken, weil Sparen muss doch (entgegen aller wirtschaftshistorischen Gegenbeispiele) in einer Krise das einzig Richtige sein! Was für den armen Taglöhnerhaushalt gilt, klappt doch sicher auch auf Staatsebene, oder? Wir wollen da gar nichts anderes hören und stellen uns taub! Nana nana naa-na. Sparen, ist ganz super, da fährt die Eisenbahn drüber!
Auf Deutsch. Denn übersetzt man „Sparpolitik“ in andere Sprachen, sieht die Sache gleich ganz anders aus. Denn fast überall lautet dort das Wort für „Sparkurs“, wie es ja mittlerweile vermehrt auch auf Deutsch zu hören ist, in landessprachlichen Varianten „Austerität(spolitik)“. Und was bedeutet Austerität, „austerity“, etwa auf Englisch? Es bedeutet: Einschränkung, Strenge, Enthaltsamkeit, Entbehrung, Nüchternheit, Entsagung, Ernst, Knappheit, Askese, Schmucklosigkeit und stark reduzierte Einfachheit, die Mangel und Strenge ausdrückt.
Also nicht ganz so super.

Lost in translation

Auf Deutsch wird also die „böse Schuld“ durch das „gute Sparen“ vertrieben, wie der Teufel durch das Weihwasser. In anderen Sprachen wird dagegen ein fiskales Defizit mit Entbehrung, Entsagung und Askese (was vor allem die Ärmeren und Ärmsten zu spüren bekommen) beantwortet. Wen wundert es da noch, dass die deutsche „Einschränkungspolitik“ das Image der ganzen Nation in den Augen der Welt immer mehr zu herzlosen Zuchtmeistern macht? Statt zu edlen Rittern, die das Böse eben – koste es, was es wolle – mit aller gebotenen Strenge ausradieren müssen, wie sich wohl so mancher deutscher Politiker selbst sieht?
Sicher gibt es noch andere Kräfte, Beweggründe und Hintergedanken für das aktuelle politische und wirtschaftliche Handeln. Aber die – psychologische – Kraft der Worte auf Deutsch und auf „Ausländisch“ ist hierbei zweifellos nicht zu unterschätzen.

Siehe auch: Warum der Dschihad geiler ist als MediaMarkt

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